Meine Reise nach Berlin

Ausstellung

4.5.18 - 7.6.18 im RegenbogenCafé
Vernissage am Fr., 4.5.18 um 16 Uhr

Ausstellung der gemalten Bilder von geflüchteten Kindern aus den Regionen Syrien/Irak/Iran/Kurdistan/Afghanistan/Pakistan/Eritrea/Modawien

Dezember 2015 bis Mai 2018

Malen mit Helmut
Ausstellung mit Margaux

Wie alles anfing

In der Zeit als viele Menschen auf der Flucht vor Krieg und Vertreibung in Berliner Turnhallen Quartier gefunden hatten, galt in meiner Nachbarschaft mein Interesse als Architekt dem Brandschutzbelag der Notunterkunft. Eine Freundin war die Leiterin. Sie erklärte mir die Unterkunft in der Turnhalle. Hundertachtzig  Menschen waren auf neunzig Doppelstockbetten in drei mit Decken abgetrennten Bereichen untergebracht. Hier waren allein reisende Männer, Familien mit und ohne Kinder aus unterschiedlichen Herkunftsländern gemeinsam aber getrennt einquartiert. Ein Speisesaal ergänzte die Unterkunft. Die Not der geflüchteten Menschen hat mich berührt. So bin ich am gleichen Tag zum Mithelfen dortgeblieben.

Am nächsten Tag kehrte ich mit einem Baumwollzweig im Blumenstrauß in die Notunterkunft zurück. Den kennen alle  vermutete ich. Eine ältere Frau aus Afghanistan habe ich gebeten den Blumenstrauß  anzuschneiden und in der mitgebrachten Vase zu arrangieren. Meine Geste verstand sie sofort. Sie dekorierte den langen Esstisch mit der blumengefüllten Vase. Ihre Kinder und Enkelkinder rannten mit staunenden Gesichtern auf uns zu. Mit dem Caterer, der das Essen brachte, stieß ich im Flur fast zusammengestoßen. : „Was machst Du denn hier?“ riefen wir beide wie aus einem  Mund –ich erkannte meinen Nachbarn! Ich zog meine weiße Kochjacke an, die hatte ich tags zuvor gekauft,  und half bei der Essensausgabe: Es gab Suppe und Brot und Gemüse.

Am Nachmittag, nachdem eine Nachbarin, die mit Reinigungsaufgaben beauftragt war, den Speisesaal gewischt hatte,  schob ich drei Bierbänke zusammen und stellte meinen mitgebrachten Blumenstrauß in die Mitte. Den großen Holzkoffer mit Malstiften platzierte ich geöffnet auf den aneinandergeschobenen Tischen und verteilte weiße DinA4 Bögen auf dem Tisch. Ich wartete…ungefähr drei gefühlte Sekunden. Schon näherten sich die ersten Kinder, setzen sich vor die leeren Blätter und schauten mich mit großen Augen in ihren fragenden Gesichtern an. Da saßen wir nun einige Minuten und immer mehr Kinder versammelten sich um den Tisch. Das Gespräch eröffnete ich mit der Geste „Was wollt ihr malen?“ Meine Hand kreiste in der Luft. Die Kinder antworteten in gleicher Zeichen-Sprache „Was wollen wir malen?“ mit Achselzucken und kreisenden Händen. So habe ich mit Gesten vorgeschlagen eine Sonne zu malen oder einen Baum – die Kinder reagierten nicht. Dann ging meine Hand zum Blumenstrauß,  langsam strich ich von oben nach unten über die Baumwollblume, da griffen einige der Kinder zu den Stiften. Sie malten die Blumen. – Meine Idee des  Malkurses war geboren.

In den ersten sechs Wochen malten die Kinder jeden Nachmittag; die Bilder - eine Vielzahl und jedes einzigartig – befestigten wir an den Wände im Speisesaal. Bis der Brandschutzbeauftragte kam. Er riss alle Bilder ab. Wohl damit sie nicht brennen? Zwei Wochen lang nahmen die Kinder die Bilder mit in ihre Kojen. Ab dann legten sie das Gemalte sorgsam in meine Hände.

An Nachmittagen kamen bis zu fünfzig Kinder, alle wollten Bilder malen, basteln oder einfach nur dabei sein und reden – deutsch lernen - beim Malen. Auch kamen regelmäßig junge Männer und der Kinder  Mütter.  Ich habe alle Anwesenden immer wieder zum Malen eingeladen.

Kinder die ungefähr drei Monate am Treffen teilnahmen, zeichneten ihre Bilder mehr und mehr mit anderen Inhalt und Ausdruck. Traumatische Erlebnisse, die meiner Meinung nach aus dem Verlust des Zuhauses, dem Verlassen des Heimatlandes und der Flucht ins Unbekannte verbunden sind, wurden mehr und mehr in den Darstellungen  sichtbar.

Die Sichtbarmachung der Verletztheit ihrer Seelen, die auf diese Weise vermittelbar scheint, brachte mich auf die Idee diese Sicht eines jeden Kindes aus der Notunterkunft in Kreuzberg und dem Tempohome in Neukölln als Ausstellung:

„Meine Reise nach Berlin“ zu präsentieren.

Mein Anliegen bei der Ausstellung „Meiner Reise nach Berlin“ ist diese Botschaft, die Belange der geflüchteten Kinder in die Welt der Erwachsenen zu tragen.

Was sind die Belange/Wünsche der Kinder, natürlich aus der Sicht der Kinder?

Meine Methode dieses Malkurses

 Ich bringe Papier und Stifte mit. Ich schenke den Anwesenden meine Zeit. Ich gebe nach dem einmaligen „Blumenstrauß“ kein Thema mehr vor. Jedes Kind signiert sein eignes Bild mit sehr wenigen Ausnahmen. Alle von den Kindern gemalten Bilder werden von mir für gut befunden und gemeinsam beklatscht ohne Kommentar oder Diskussion! Immer wieder ist die Anerkennung in ihren  Augen zusehen.  Ich bemerke wie die Kinder um Zentimeter in ihrer Körperhaltung wachsen. Am Ende jeden Malens gibt es noch ein Stück Schokolade und manchmal auch noch auf Wunsch Notwendiges für die Schule.

Mein wichtigstes Erlebnis beim Malen

Vor Ostern haben wir beim Malkurs Eier angemalt. Als die Kinder alle Eier angemalt haben kam Achmed verspätet dazu. Er wurde für seinen Schulstart ausstaffiert. Die eifrigsten Kinder hatten viele Eier,  Achmed hatte keines. Ich eröffnete ein Gespräch über Teilen und  Abgeben von Eiern. Das Mädchen Marzie hat die Hände schützend über die von ihr angemalten Eier gelegt und war bereit diese vehement bei sich und ihrem kleinen Bruder zu behalten. Plötzlich stand das Mädchen Ares auf, nahm eines von ihren angemalten Eiern, ging um den Tisch herum und gab es Achmed in die Hand. Spontan habe ich geklatscht, die Kinder taten es gleich. Auf einmal stand ein anderes Mädchen Asail auf, tat gleiches wie Ares. Klatschen. Völlig überraschend stand jetzt Marzie auf, tat gleiches ebenso. Begeistertes mehrheitliches  Klatschen. Dann setzte sich Marzie an das Ende des Tisches und malte das Bild, sie legte es in meine Hände, ging in ihr Koje und war den ganzen Tag nicht mehr gesehen. Das Bild hat sie mit schwarzer Farbe gemalt. In der Mitte sehe ich ein großes Schiff mit einer Kabine und einem vermutlichen Kapitän. Unten am rechten Rand ist ein ganz kleines Boot dargestellt,  mit  vielen Menschen. Aus der Sicht von Marzie: „Meine Reise nach Berlin“.

 

 

 

www.MeineReiseNachBerlin.news
Die Ausstellung wird unterstützt durch
Ehrl berlinzukunft2100 gUG (hb)

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